Alleingeborener Zwilling

Bei dieser Thematik handelt es sich um eine ursprünglich als Mehrlings-befruchtung angelegte Schwangerschaft, bei der sich ein Zwilling oder ein oder zwei der Drillinge (meist frühzeitig) wieder verabschiedet. Die Angaben zum Prozentsatz der ursprünglich als Zwillings- bzw. Mehrlings-geburten angelegten Schwangerschaften schwankt zwischen 20 und 80 % (!!). Das mag u.a. daran liegen, dass in Deutschland frühe Abgänge oftmals nicht bemerkt werden (in Dänemark z.B. schon, weil frühe Ultraschall-untersuchungen dies belegen).

 

Der Verlust dieser frühen symbiotischen Einheit wird als unfassbar schmerzhaft erlebt. Daraus können verschiedene Prägungen und (meist unbewusste) Verhaltensweisen im späteren Leben des alleingeborenen Zwillings entstehen.

 

Vorwiegendes Lebensgefühl

Gefühle der Traurigkeit und des Nicht-dazu-gehörens können sich wie ein roter Faden durchs Leben ziehen. Gleichzeitig beschreiben viele eine unerklärliche Wut und ein Gefühl von Ungerechtigkeit, weshalb manche einen starken Gerechtigkeitssinn entwickeln. Es kann auch sein, dass jede Trennung (bei Kindern von der Mutter) und jeder Verlust (z.B. vom geliebten Haustier) als Drama empfunden wird, was mit übermäßigen Gefühlen der Einsamkeit und Verlassenheit einhergeht. Das Streben nach Unabhängigkeit oder das Gefühl, ständig auf der Suche zu sein (nach dem richtigen Partner, dem richtigen Beruf oder Arbeitsplatz; ständig unterwegs oder auf Reisen zu sein) und nie dauerhaft das Gefühl zu haben, angekommen zu sein, findet sich oft in der Zwillings-Thematik. Ebenso kann sie sich auch darin zeigen, immer für zwei Lebensmittel einzukaufen, Koffer zu packen oder Kleidungsstücke zu kaufen.

 

Bei vielen besteht ein subtiles Gefühl von Schuld, da man der Überlebende ist, so dass man sich unbewusst nichts Gutes gönnt. Sich übermäßig verantwortlich oder für alles schuldig zu fühlen, was passiert, gehört dazu. Eine Variante davon ist auch, Angst zu haben, Fehler zu machen bzw. etwas falsch zu machen oder gemacht zu haben. Das mag damit zusammenhängen, dass sich alleingeborene Zwillinge unbewusst die Schuld am Verlust des Zwillings geben. Deshalb gestatten sich viele alleingeborene Zwillinge oder Drillinge kein dauerhaft erfüllendes, zufriedenes und harmonische Leben und haben das Gefühl, dass das Leben zäh, schwergängig, schwierig oder anstrengend ist. Ziele werden nicht erreicht, Erfolge bleiben mäßig oder ganz aus, dauerhaftes Glück ist tabu. Auch anhaltende oder wiederkehrende finanzielle Krisen erleben viele und das Gefühl, es ist nie genug.

 

Auswirkungen auf die Partnerschaft

Alleingeborene Zwillinge oder Drillinge favorisieren meist eine sehr enge, symbiotische Beziehung zum Partner/zur Partnerin. Es kommt leicht zu Eifersucht, wenn der andere sich mal anderweitig beschäftigen möchte. Oder man hat sich aufgrund des frühen, schmerzhaften Verlustes unbewusst entschlossen, nie wieder jemanden so nah an sich heran zu lassen, so dass es in der Partnerschaft zu einem Nähe-Distanz-Konflikt kommen kann.

 

Oftmals werden Beziehungen auf Dauer nicht als erfüllend und befriedigend empfunden, weil unbewusst immer Ausschau nach dem verlorenen Zwilling gehalten wird (besonders bei gegengeschlechtlichen Zwillingen). Dem kann natürlich kein Partner/keine Partnerin gerecht werden. Diese frühe Erfahrung des Einsseins kann es auch mit sich bringen, dass man vom Partner/von der Partnerin unbewusst erwartet wissen zu müssen, was man braucht und denkt. Auch die (meist unbegründete) Angst vor Verlust des Partners/der Partnerin kann ein ständiges Gefühl der Unsicherheit im Hinblick auf die Partnerschaft auslösen. Viele beenden immer wieder die Beziehung, um sich wieder auf die Suche nach dem "richtigen" Partner/der "richtigen" Partnerin zu machen oder um auf diese zu warten.

 

Wenn der verlorene Zwilling oder Drilling dem anderen Geschlecht angehört, kann es auch zu Verwirrungen im Hinblick auf das eigene Geschlecht kommen (Transgender) oder bei der Partnerwahl die Präferenzen verschieben (Homosexualität).

 

Auswirkungen im Berufsleben

Im Berufsleben kann sich die Thematik des alleingeborenen Zwillings darin zeigen, dass Ausbildungen nicht abgeschlossen werden, trotz guter beruflicher Qualifizierung kein passender Arbeitsplatz gefunden wird oder aufgrund einer unerklärlichen inneren Zerrissenheit keine Klarheit über die eigenen beruflichen Interessen und Ziele besteht. Manchmal erlebe ich auch hochqualifizierte Klienten, die nur Arbeitsplätze weit unter ihren Möglichkeiten "finden". Auch mehrere Ausbildungen/Studienabschlüsse können ein Hinweis auf die Zwillings-Thematik sein.

 

In Beziehungen zu Freunden oder Arbeitskollegen kann permanent das Gefühl bestehen, keiner mag mich, weil aufgrund der ursprünglich symbiotisch geprägten Natur des alleingeborenen Zwillings andere Beziehungsmuster als oberflächlich empfunden werden. Dieses Empfinden kann auch gegenüber der älteren oder jüngeren Einlings-Geschwister bestehen.

 

Manche fühlen sich ihr Leben lang irgendwie unvollständig, manche haben das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein. Das kann sich auch darin äußern, indem immer wieder neue Ausbildungen und Umschulungen absolviert werden, um endlich die (subjektiv empfundene) richtige Qualifikation zu erreichen, also endlich "richtig" zu werden.

 

Die systemische Lösung

Sobald man sich der alleingeborenen Zwillings-Thematik bewusst ist, kann man sich neu ausrichten und das Leben beginnen, das wirklich für einen vorgesehen ist. Dann darf es auch leichter werden.

 

Bei einer Familienaufstellung besteht die Möglichkeit, den verlorenen Zwilling oder Drilling im Familiensystem zu integrieren. Dabei ist auch Raum für eine liebevolle Begegnung sowie für Annahme und Integration des frühen Verlustes. Aber auch für Abgrenzung, um sein eigenes Leben aufzunehmen und die einschränkenden Lebensmuster endgültig hinter sich zu lassen.

 

Wie viele andere Entwicklungsprozesse benötigt auch dieser Zeit und einen behutsamen und liebevollen Umgang. Jeder, der sich für diesen Weg entscheidet, geht ihn in seiner eigenen Geschwindigkeit. Meist besteht er aus mehreren Phasen, die auch unterschiedliche Hilfestellungen/Methoden zur Verarbeitung benötigen können.

Iris Helene Frankowiak

Systemischer Coach (DGSF)

Personalreferentin, Trainerin

 

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